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Wie ich beim ReMastering und Mastering für Revox arbeite

Der erste Blick auf das Original

Wenn der Kurier die Masterbänder zu mir ins Studio bringt, ist das auch nach vielen hundert ReMasterings immer noch ein besonderer Moment. Vor mir liegen oft einzigartige musikalische Zeitdokumente – und damit eine große Verantwortung.

Der erste Blick gilt dem Zustand des Bandes. Nach einem vorsichtigen Probelauf entscheidet sich, ob es direkt abgespielt werden kann oder zunächst ein kontrolliertes „Backen“ notwendig ist, um es für einen begrenzten Zeitraum wieder abspielbar zu machen.

Anschließend wird das Band langsam und kontrolliert umgespult. Dabei zeigen sich mögliche mechanische Schwachstellen wie gealterte Klebestellen oder andere Beschädigungen, auf die man eingehen muss.

Die optimale Wiedergabe des Originals

Bevor ich über Klang nachdenken kann, muss sichergestellt sein, dass ich tatsächlich das höre, was auf dem Original Master gespeichert ist.

Dazu muss ich meine Bandmaschine möglichst exakt auf die Parameter der ursprünglichen Aufnahmebandmaschine ein stellen. Nur so höre ich genau das was der Tonmeister bei der Aufnahme gehört hat. Normierte Angaben auf dem Bandkarton helfen bei der Justage. Sind diese nicht oder nur unvollständig vorhanden, sind Erfahrung und vor allem das Gehör gefragt. Wenn vorhanden, ziehe ich zusätzlich eine digitalisierte Original-Vinylpressung zum Vergleich heran.

Nach diesen Einstellungen erfolgt ein vollständiger Durchlauf, bei dem gleichzeitig eine digitale Sicherheitskopie entsteht. Dabei dokumentiere ich technische Auffälligkeiten und gewinne vor allem einen ersten intensiven Eindruck von der Aufnahme und ihrer Musik.

Die klangliche Ausarbeitung

Jetzt beginnt für mich der eigentliche Prozess des ReMasterings.

Ich höre die Aufnahme immer wieder und versuche zunächst zu verstehen, was sie musikalisch ausmacht: ihre Klangfarben, ihre Dynamik, ihre räumliche Wirkung, ihren musikalischen Fluss und vor allem ihre emotionale Aussage.

Erst daraus entstehen die Entscheidungen für die klangliche Bearbeitung.

Dabei geht es nicht darum, einer historischen Aufnahme einen modernen Klang überzustülpen oder sie künstlich spektakulärer erscheinen zu lassen. Vielmehr versuche ich, die Qualitäten herauszuarbeiten, die bereits in der Aufnahme vorhanden sind, und die im originalen Master enthaltene klangliche und musikalische Information bestmöglich hörbar zu machen. Nicht zu verändern, sondern zu unterstützen.

Dieser Prozess ist für jede Produktion anders. Manchmal braucht eine Aufnahme mehr Offenheit oder Transparenz, manchmal mehr Körper, Wärme oder räumliche Tiefe. Bei einer anderen Produktion gilt es, die Balance einzelner Frequenzbereiche behutsam zu verändern, Dynamik und Transienten besser zur Geltung zu bringen oder dem musikalischen Geschehen mehr Ruhe und Selbstverständlichkeit zu geben.

Dabei können viele kleine Eingriffe zusammenwirken. Entscheidend ist jedoch nicht ihre Anzahl, sondern ihre musikalische Begründung. Jede Veränderung wird immer wieder im Zusammenhang mit der gesamten Aufnahme gehört und beurteilt.

Genau hier liegt für mich der künstlerische Teil des Masterings: technische Möglichkeiten in musikalische Entscheidungen zu übersetzen.

Es geht um Nuancen. Eine minimale Veränderung kann dazu führen, dass eine Stimme unmittelbarer wirkt, ein Instrument natürlicher erscheint, sich ein Orchester besser entfaltet oder eine Produktion mehr Punch und emotionale Präsenz gewinnt. Gleichzeitig muss immer geprüft werden, was durch einen Eingriff möglicherweise verloren geht.

Deshalb gehört auch die Entscheidung, nichts zu verändern, zu diesem kreativen Prozess. Wenn das unbearbeitet Master musikalisch und klanglich bereits genau das vermittelt, was die Aufnahme ausdrücken soll, gibt es keinen Grund einzugreifen.

Meine Klangbearbeitung erfolgt ausschließlich mit analogen Werkzeugen.

Nicht aus Nostalgie, sondern weil mir dieser Signalweg ermöglicht, die zuvor getroffenen musikalischen Entscheidungen auf eine für mich besonders natürliche, musikalische und differenzierte Weise umzusetzen.

Vom Original zum neuen Masterband

Um das wertvolle Originalband möglichst zu schonen, entwickle ich die Klangeinstellungen zunächst anhand der zuvor erstellten digitalen Sicherheitskopie. Dieser Prozess kann durchaus einen ganzen Arbeitstag in Anspruch nehmen.

Sind alle Entscheidungen getroffen, fertige ich eine Testaufnahme auf einem neuen analogen Band an und kontrolliere sie unmittelbar „hinter Band“. So kann ich letzte Feinabstimmungen vornehmen.

Erst danach erfolgt der finale Durchlauf direkt vom originalen Masterband durch meine Bearbeitungskette auf eine zweite Bandmaschine. Dies kann durchaus in Abschnitten passieren, die dann wieder zusammengeschnitten werden. Das daraus entstehende Masterband und eine parallel erstellte analoge Safety Copy gehen anschließend zu Revox und bilden die Grundlage für die Vervielfältigung.

Wenn das Original bereits digital ist

Seit den 1990er-Jahren werden viele Musikproduktionen nicht mehr auf analogem Tonband aufgenommen. Doch auch diese musikalischen Perlen veröffentlicht Revox.

In diesen Fällen erhalte ich in der Regel HighResolution files der originalen Mischung. Die klangliche Bearbeitung erfolgt auch hier ausschließlich mit analogen Werkzeugen. Als Master entsteht wiederum ein analoges Tonband. Der kreative Prozess bleibt derselbe: zuhören, die musikalische Aussage verstehen und daraus die notwendigen klanglichen Entscheidungen ableiten.

Dynamik statt Lautheit

Gerade in der Pop- und Rockmusik wurde seit Mitte der 1990er-Jahre die Dynamik vieler Produktionen zunehmend reduziert – häufig mit dem Ziel, möglichst laut zu klingen.

Für die Tonträger von Revox müssen wir diesem „Loudness War“ nicht folgen.

Hier stehen die Musik und das Hörerlebnis im Mittelpunkt. Natürlich gehören bei Pop- und Rockproduktionen Punch, Druck und Glue zu einem überzeugenden Klangbild – aber niemals Lautheit um jeden Preis.

Mein Ziel ist es, die im Original vorhandene Dynamik und musikalische Energie zu bewahren und bestmöglich hörbar zu machen.

Denn für mich gilt:

»Mastering beginnt nicht mit dem Bearbeiten einer Produktion, sondern mit dem Verstehen ihrer musikalischen Aussage. Jede Aufnahme erzählt eine Geschichte. Meine Aufgabe besteht nicht darin, sie neu zu schreiben, sondern sie so hörbar zu machen, wie sie erzählt werden wollte.« 

 
 

Uber Christoph Stickel

Christoph ist ein Grammy-nominierter Mastering Engineer mit seinem eigenen Mastering-Studio in Wien (Österreich). Seit vielen Jahren ist er verantwortlich für das gesamte Mastering / ReMastering aller Master Tape Copies und anderer produzierten Tonträger des Unternehmens Revox.

1992 hat er in den renommierten "msm-studios" als Mastering- und Remastering Engineer begonnen und firmiert seit 2013 unter seinem eigenen Label "christoph stickel mastering". Bis jetzt hat er mehr als 5500 Alben ge- und remastered. Er ist bekannt für seine Arbeit mit Anne-Sophie Mutter, Keith Jarrett, Chick Corea, Mariss Jansons, den Wiener-, Berliner- und Münchner Philharmonikern, John Williams, Arvo Pärt, Yello, Yo-Yo Ma, Daniel Barenboim, Simon Rattle, Die Ärzte, John McLaughlin, John Scofield, Michael Schenker, Gidon Kremer und vielen weiteren internationalen Künstlern aus allen musikalischen Genres.

Alben, die er gemastert hat, wurden mehrfach mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik, Opus Klassik, Supersonic Pizzicato, Diapason d'Or, Choc de Classica, ICMA, dem Gramophone Classical Music Award und weiteren sehr angesehenen Preisen ausgezeichnet. Neben dem Mastering aktueller Aufnahmen ist das ReMastering, ausgehend vom analogen Originalband, ein nennenswerter Teil seiner Tätigkeit. Hier finden sich Namen wie Maria Callas, Pat Metheny, Wilhelm Furtwängler, Arthur Rubinstein, Oscar Peterson, Glenn Gould, Friedrich Gulda, Herbert von Karajan, Baden Powell, Monty Alexander, Ella Fitzgerald, Sergiu Celibidache, Leonard Bernstein...

Er ist Dozent an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien (mdw) (Österreich) sowie an der Hochschule für Musik/ Detmold (ETI) (Deutschland).

Christoph ist ein wahrer Musikliebhaber sowie ausgewiesener Musikexperte.